Warum Kompetenz mehr Lust auf Leben erzeugt als übertriebene Work-Life-Balance. #306
Wer nicht in irgendeiner Weise Profi ist, kämpft mit vielen persönlichen Nebenwirkungen. Drei davon möchte ich in den folgenden Zeilen hervorheben.
Als Babyboomer darf ich mir aus dem Rückblick auf über vier Arbeitsjahrzehnte erlauben, drei Essenzen zu destillieren, die weder im Mainstream noch in den Märchen der Show-Speaker und schon gar nicht in der geschminkten, heilen Welt der schönen Influencer Bedeutung finden.
Wenn Du jetzt nicht weiterlesen willst, lass Dir die folgenden Zeilen von Sophia näherbringen...
Essenz 1: Die 20-Stunden-Wochen-Falle
Die 20-Stunden-Woche gilt für viele junge Menschen als Ideal. Sie verspricht mehr Freizeit und Lebensqualität, führt jedoch häufig nicht dorthin, wo man privat und beruflich eigentlich hinmöchte.
Warum?
Wenig Zeit für die Arbeit bedeutet meist wenig Erfahrung. Die Lernkurve bleibt flach, der Weg zur Expertise versperrt. Wer in seinem Beruf dauerhaft nur der Zehntbeste ist, wird selten gefragt, steht in der letzten Reihe und ist im Grund bedeutungslos.
Aber: Wer will schon nicht ein Profi sein? Wer will schon nicht stolz auf seine Leistung sein?
Glaubt man den Bios auf LinkedIn oder in den sozialen Medien, so gibt es nichts mehr als Expert. Weil Expertise jedoch oft nur als Versprechen missbraucht wird, werden große Sprüche und chronische Selbstüberschätzung bemüht. Das wirkt in der Regel für einen Moment, jedoch nicht nachhaltig. Es ist verpuffte Energie und führt, wenn auch vielleicht nur unbewusst, zu Frust.
Echte Fachkompetenz braucht Fleiß, Arbeitszeit und gründliches Eintauchen in berufliches Fachwissen. Ja, ich weiß, das klingt nach Old School, aber es ist so. Fachwissen + praktische Erfahrung + Kundennutzen liefern macht kompetent und führt folglich zu besseren Verdienstmöglichkeiten.
Also Geld! Auch wenn dieses Modell bei meinen Spezialfreunden unter den Show-Speakern – die zynischerweise für eine Stunde Keynote schon schnell einmal 15.000 Euro verlangen – verpönt ist, behaupte ich trotzdem, dass Geld ein wichtiger Motivationsfaktor ist. Genug Geld, um zufrieden und unabhängig leben zu können reicht. Man muss sich ja nicht in den Wettbewerb des Vielgeldverdienens hineintheatern lassen, der ohnehin in einschlägigen Managerkreisen oft als gierige Unkultur gelebt wird.
Nicht, dass ich Arbeit an sich glorifiziere. Im Gegenteil: Kurze und vor allem flexible Arbeitszeiten sind oft sinnvoll, etwa wenn familiäre Rahmenbedingungen es erfordern. Trotzdem bleibe ich dabei: Mehr Schaffenszeit führt tendenziell zu mehr Erfahrung, mehr Kompetenz und damit auch zu mehr Erfolg.
Die bekannte 10.000-Stunden-Regel von Malcolm Gladwell (Campus 2005, S. 36 ff.) verdeutlicht, dass eine steile Lernkurve Ausdauer und die Bereitschaft verlangt, über Jahre mehr Arbeitszeit zu investieren als der Durchschnitt. Spitzenleistungen entstehen nicht zufällig, sondern als Ergebnis konsequenter Berufspraxis. Wer Profi werden will, muss deshalb zumindest in den entscheidenden Lernphasen bereit sein, Außergewöhnliches zu leisten.
Die Beatles spielten vor ihrem Welterfolg tausende Stunden in Hamburger Clubs – ihre Lehrjahre begannen im Indra Club von Bruno. Erst intensive Arbeit und unzählige Auftritte machten sie zu außergewöhnlichen Musikern. Die Pilzköpfe aus Liverpool mögen uns als Vorbild dienen – ganz gleich, welchen Beruf wir ausüben.
Die beiden folgenden Essenzen zeigen, welche persönlichen Nebenwirkungen entstehen, wenn man bereit ist, sich in entscheidenden Lebensphasen mit 50 bis 60 Wochenstunden voll ins Zeug zu legen.
Essenz 2: Flow
Ich denke oft darüber nach, wie man Flow initiieren kann. Wie man Menschen, die noch nie ein Flow-Erlebnis hatten, dazu bringen kann, dieses Gefühl des völligen Vertieftseins in eine einzige Sache zu erleben. Experten wissen, wie sich Flow anfühlt. Meister ihres Fachs, Jäger, viele Sportler:innen sowie Musiker, Chirurgen und Wissenschafter kennen diesen Luxus des Flow. So ist es auch in den meisten Berufs- und Lebenswelten möglich, Flow zu entwickeln. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist, nicht nur 20 Wochenstunden ein bisschen vor sich hin zu arbeiten, sondern ernsthaft und gründlich einzutauchen und gute Leistung zu liefern.
- Flow ist der Zustand, in dem wir völlig in einer Tätigkeit aufgehen. Konzentration, Motivation und Leistung verschmelzen – Zeit und Umgebung werden ausgeblendet.
- Flow ist ein erarbeitetes Privileg, das immer wieder nur dann erlebt werden kann, wenn die steile Lernkurve und Fleiß nicht als Strebertum abgetan wird.
- Zudem ist Flow der Luxus, den Du nicht kaufen kannst, es ist ein Feeling, das intrinsisch motiviert und, auch wenn das banal klingt, zufrieden macht.
- Es ist doch nichts ist langweiliger als ein Leben ohne Flow.
Nun, wie im Intro angekündigt, zu den persönlichen Nebenwirkungen, die aus dem Fokus auf Leistung und Flow resultieren...
Essenz 3: Selbstbewußtsein, Ausstrahlung, Authentizität
Selbstbewußtsein kommt von "selbst wissen".
- Selbstbewusstsein kann man sich nicht einreden. Es entsteht, wenn Wissen, Können und Erfahrung über Jahre zu innerer Sicherheit werden.
- Selbstbewusstsein kommt nicht von positiven Glaubenssätzen. Es beginnt dort, wo Menschen wissen, was sie können – und ebenso, was sie nicht können.
- Selbstbewusstsein ist nicht das, was wir von uns behaupten. Es ist die Gelassenheit, die entsteht, wenn wir uns selbst kennen und uns deshalb niemandem etwas beweisen müssen.
Ausstrahlung kann nicht in die Mimik geschminkt werden.
- Sie ist die sichtbare Folge von Kompetenz, Erfahrung und innerer Klarheit.
- Ausstrahlung entsteht, wenn Können, Haltung und Glaubwürdigkeit über Jahre zusammengewachsen sind. Man sieht sie, bevor jemand den Mund aufmacht.
- Sie entsteht dort, wo Menschen etwas wirklich können, Verantwortung übernehmen und mit beiden Beinen im Leben stehen. Alles andere ist Fassade.
Authentizität kann man sich nicht antrainieren.
- Sie entsteht, wenn Denken, Reden und Handeln übereinstimmen – auch dann, wenn niemand zusieht.
- Authentizität ist keine Kommunikationsstrategie. Sie beginnt dort, wo Menschen nicht versuchen, jemand zu sein, sondern den Mut haben, sie selbst zu sein – mit Ecken, Kanten und Haltung.
- Sie ist nicht das, was wir über uns erzählen. Sie ist das, was andere erleben, wenn unsere Worte und unser Verhalten über längere Zeit zusammenpassen.
At least,
heute, am 1. Aug. 2026, gehe ich nach 45 interessanten Arbeitsjahren formell in Pension. Zugleich ändert dieser Wendepunkt nichts an meinem Alltag, solange meine Neugier andere Menschen anzustecken vermag. Mein Fokus gilt also weiterhin der Arbeit, dem erSchaffen und dann und wann dem Genuss der einfachen Kulinarik, für die ich dem Meister des Kochens auf dem Coverbild dieses Beitrages dankbar bin, der sportlichen Aktivität und dem Eintauchen in den Flow.
Kurzum: der Work-Life-Fokus zählt - und nicht die übertriebenen Work-Life-Balance.

Siehe auch "Warum Work-Life-Balance dich eher bremst als glücklich macht"